International ausgerichtete Handelsgeschäfte unterliegen einem wachsenden Zeit- und Effizienzdruck. Eng aufeinander abgestimmte Lieferketten lassen schon kleine Verzögerungen zu einem erheblichen Problem für das produzierende Gewerbe werden. Damit gewinnt die effiziente Abwicklung der Transportprozesse auf allen Ebenen an Bedeutung. In der Logistik müssen nicht nur die verschiedenen Frachtabschnitte nahtlos ineinandergreifen. Auch die effiziente Abwicklung der Zollprozesse ist essenziell, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können.
Just-in-Time- (JIT) und Just-in-Sequence-Lieferung (JIS) sind zwei Konzepte, die in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle einnehmen. Beide zielen darauf ab, den Materialfluss zu optimieren, die Lagerkosten zu senken und die Produktion reibungslos zu gestalten. Um dies zu erreichen, werden in der Logistik verschiedene Methoden genutzt und auch die Digitalisierung spielt eine zentrale Rolle. Sie eröffnet die Möglichkeit, Prozesse zu automatisieren und manuelle Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren.
Was bedeutet Just-in-Time-Lieferung?
Sinn und Zweck von Just-in-Time-Lieferungen ist es, Materialien und Vorprodukte genau zu dem Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen, zu dem diese in der Fertigung benötigt werden. Daher wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff der „bedarfssynchronen Produktion“ verwendet. Entwickelt hat sich das Konzept ursprünglich in Japan mit der Zielsetzung, den Bedarf an Lagerfläche zu reduzieren. Produktionsmittel genau dann verfügbar zu haben, wenn sie gebraucht werden, hat einen weiteren Vorteil: Ressourcen werden besonders effizient eingesetzt. Es droht kein Verderb bzw. kein durch die Lagerung bedingter Qualitätsverlust.
Just-in-Time-Lieferketten aufzubauen bedeutet, diese nach dem Pull-Prinzip zu organisieren. Materialien und Vorprodukte (oder Baugruppen sowie Komponenten) werden also dann angefordert, wenn der Bedarf besteht. Den Gegensatz bildet die Push-Methode, bei der vorproduziert und umfassend gelagert werden muss. Beispiel Autoindustrie: Sitze werden nicht einmal pro Woche ins Werk geliefert, sondern in mehreren kleinen Chargen – dafür aber täglich. Es handelt sich hierbei also um eine Nachfrage-justierte Lieferkette.
Damit dieses Konzept funktionieren kann, müssen alle Beteiligten – vom Produzent über Lieferanten, Speditionen und den Zoll – ineinandergreifen und sich vernetzen. Funktioniert eines dieser Glieder in der Lieferkette nicht reibungslos (oder wird von externen Faktoren gestört), bricht das JIT-Konzept in sich zusammen.
Funktionsweise und Voraussetzungen von Just-in-Time-Lieferungen
Eine funktionierende Just-in-Time-Lieferkette aufzubauen, erfordert eine exakte Abstimmung zwischen Produktionsplanung, Lieferantenmanagement und Zollabwicklung. Die Planung ist der Grundstein, auf dem das Konzept ruht. Ohne die Prognose, zu welchem Zeitpunkt spezifische Teile an welcher Stelle vorhanden sein müssen, ist eine JIT nicht zu realisieren. Da es keine Pufferbestände gibt, mit denen sich Verzögerungen kompensieren lassen, hängt das Funktionieren insbesondere von den Lieferanten und Transportdienstleistern ab.
Kommunikation wird hier zu einem entscheidenden Tool. Die Übermittlung von Daten über Systeme wie EDI (Electronic Data Interchange) und ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) ermöglicht das Organisieren von Bestellungen und Lieferabrufen. Gleichzeitig wird der Einfluss der Digitalisierung auf die Zollprozesse zunehmend wichtiger. Fehler in Dokumenten oder Ursprungsnachweisen führen zu nicht kalkulierbaren Verzögerungen.
Um diese Risiken auszuschließen, nutzen Unternehmen heute verschiedene Maßnahmen, wie
- den Status des zugelassenen Wirtschaftsbeteiligten (Authorised Economic Operator, AEO), der eine beschleunigte Abfertigung ermöglicht,
- die Nutzung von Zolllagern oder
- das Zollverfahren der vorübergehenden Verwendung.
Mit den letzten beiden letztgenannten Methoden lässt sich die Erhebung von Zollgebühren bei der Einfuhr vermeiden bzw. werden diese so weit verschoben, dass die Abgaben erst mit dem Einbringen von Produkten in den freien Warenverkehr anfallen.
Vor- und Nachteile von Just-in-Time-Lieferungen
JIT bietet als Logistikstrategie ein hohes Effizienzpotenzial. Unternehmen, die ihre Lieferketten neu strukturieren und ausrichten wollen, sollten allerdings nicht nur die Stärken des Konzepts sehen. Für die Implementierung im Geschäftsalltag bedarf es ebenso Strategien, um mit den Herausforderungen von Just-in-Time-Lieferungen umzugehen.
Vorteile von Just-in-Time-Lieferungen:
- reduzierte Lagerkosten: ein Abbau der Bestände auf das Nötigste führt zu geringeren Kapital- und Lagerhaltungskosten
- schnellere Reaktionsfähigkeit: Unternehmen können schneller und direkter auf Veränderungen in der Nachfrage oder Produktkonfiguration reagieren
- kürzere Durchlaufzeiten: es entstehen effiziente Materialflüsse und kürzere Produktionszyklen
- höhere Produktqualität: Mängel lassen sich durch eine enge Abstimmung zwischen Lieferant und Hersteller schneller beseitigen
Die Herausforderungen dieser Strategie ergeben sich aus der starken Abhängigkeit der produzierenden Unternehmen vom störungsfreien Ineinandergreifen aller an der Logistikkette Beteiligten. Produktionsabläufe sind daher anfällig für externe Störungen wie unter anderem:
- Streiks,
- Naturkatastrophen,
- Pandemien,
- politische Krisen.
Es besteht die Gefahr einer Unterbrechung der Lieferkette und von Produktionsstillständen. Die Störanfälligkeit durch Verzögerungen beim Zoll oder Lieferengpässe ist ein weiteres Risiko. Schon geringfügige Zeitüberschreitungen – beispielsweise bei der Prüfung der Zolldokumente – wirken sich nachteilig aus.
Vor diesem Hintergrund besteht für Unternehmen ein Risiko darin, den diesbezüglichen Koordinationsaufwand zu unterschätzen. Just-in-Time-Lieferungen setzen eine konsequente Abstimmung zwischen allen Beteiligten voraus. Zudem entsteht eine hohe IT-Abhängigkeit, was Systemausfälle oder Störungen in der Kommunikation sofort zum Problem werden lässt.
Was bedeutet Just-in-Sequence-Lieferung?
Das Just-in-Sequence-Konzept ist gegenüber Just-in-Time keine Neuentwicklung, die methodisch von ganz anderen Prämissen ausgeht. Es handelt sich vielmehr um eine Weiterentwicklung von JIT. Das Novum besteht in einer zusätzlich in die Lieferkette eingefügten Dimension. Während bei Just-in-Time-Lieferungen Komponenten definitionsgemäß zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung gestellt werden, erfolgt dies bei JIS zudem auch in exakt der Reihenfolge (Sequence), in der die Komponenten oder Materialien in der Produktionslinie verwendet werden.
Dazu folgendes Beispiel: In der Automobilproduktion werden in der Serienproduktion einer Modellreihe verschiedene Sitze verbaut. Fahrzeug A erhält einen Ledersitz, Fahrzeug B einen Stoffbezug und Fahrzeug C einen Mischbezug. Durch den Zulieferer wird nicht einfach nur die für eine Wochenproduktion benötigte Anzahl von Sitzen geliefert, sondern die Lieferung erfolgt sequenziell, also in der Reihenfolge, in der die Varianten (zum Beispiel A-B-A-C-B-B) gefertigt werden.
Hierdurch entfallen zum Beispiel die Arbeitsschritte der Sortierung oder Zwischenlagerung am Band, da die Teile direkt verbaut werden. Um Just-in-Sequence zu realisieren, bedarf es eines umfassenden Monitorings der Produktionsprozesse über ERP- oder MES-Systeme (Manufacturing Execution System) sowie ein eng verzahntes Monitoring und Tracking mittels Barcode, RFID oder GPS-Steuerung.
Im Rahmen der JIS-Methode müssen die Produktionslinie und der Output bei den Lieferanten eng aufeinander abgestimmt werden. Auf der Seite des Logistikpartners ist zudem der Aufbau eines Sequenzierungslagers (hier werden Komponenten in die richtige Reihenfolge gebracht) erforderlich sowie die Einrichtung passender Schnittstellen zur Zollabwicklung.
Vor- und Nachteile von Just-in-Sequence-Lieferungen
Die Vorteile von JIS-Lieferungen liegen in der Effizienz für die Endmontage. Dank einer sequenzgenauen Anlieferung entfallen Sortier- und Bereitstellungsprozesse im Lager und am Band der Unternehmen, was eine konsequente Optimierung der Auslastung erlaubt. Die genaue Abstimmung zwischen Produktion und Logistik macht es möglich, eine komplexe Variantenfertigung mit hoher Geschwindigkeit zu realisieren.
Ein weiterer Vorteil ist die Reduzierung von Fehlerquoten bei Einbauprozessen. Da die Teile in der richtigen Reihenfolge ankommen, sinkt das Risiko von Verwechslungen oder Fehlmontagen. Dies verbessert die Qualität und reduziert Nacharbeitskosten.
Gleichwohl dürfen die mit dem Konzept einhergehenden Herausforderungen nicht unterschätzt werden. Ein hoher Planungs- und Überwachungsaufwand übersteigt den von JIT-Systemen deutlich. Jede Änderung in der Produktionssequenz muss sofort an alle Lieferanten in der Kette kommuniziert werden. Die Störanfälligkeit bei selbst geringen Prozessabweichungen macht JIS zu einem herausfordernden Konzept. Ein Fehler in der Sequenz, eine Verwechslung oder eine Verzögerung können die gesamte Produktionslinie ausbremsen.
Das Engpassrisiko durch Verzögerungen beim Zoll oder technische Ausfälle ist bei JIS besonders kritisch. Während bei JIT-Lieferungen eventuell noch Puffer existieren, gibt es bei JIS keine Ausweichmöglichkeiten. Die Notwendigkeit des auf den Punkt genauen Vorliegens der Zollfreigaben hat höchste Priorität. Unternehmen, die in Bezug auf Lieferantenerklärungen, Präferenznachweise und Zolldokumente auf Nummer sicher gehen wollen, arbeiten mit professioneller Unterstützung durch professionelle Zollbüros und Zollexperten.
Just-in-Time und Just-in-Sequence im Vergleich
Die Unterschiede zwischen Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Lieferungen liegen vordergründig vor allem darin, wie die benötigten Materialien oder Vorprodukte zur Verfügung gestellt werden. Bei JIT wird zum bestimmten Zeitpunkt geliefert, jedoch unabhängig davon, in welcher Reihenfolge kritische Produktionsfaktoren benötigt werden. Hierdurch entsteht ein höherer Aufwand im Zusammenhang mit der internen Sequenzierung.
Bei JIS werden Zeitpunkt und Reihenfolge berücksichtigt. Das Konzept wirkt damit auf den ersten Blick wie die optimale Lösung. Allerdings verursacht die Berücksichtigung beider Faktoren in der Lieferkette einen erheblichen Aufwand. Schon bei einer Just-in-Time-Lieferung sind Verzögerungen – zum Beispiel durch Unregelmäßigkeiten beim Ursprungsnachweis – fatal. Bei einer Just-in-Sequence-Lieferung stehen Bänder in diesem Fall jedoch unweigerlich still. Deshalb sind die Anforderungen an Datenintegration und IT-Systeme hier extrem hoch. Ein Aspekt, der sich auch auf die Komplexität der Lieferkette (zum Beispiel für den Aufbau von Zolllagern in Produktionsnähe) und Ansprüche an Logistikpartner übertragen lässt.
Dass Just-in-Sequence im Vergleich zu einer JIT-Lieferung fehleranfälliger ist, ergibt sich aus den Auswirkungen, die selbst kleinste Abweichungen haben. Gerade im Hinblick auf den grenzüberschreitenden Warenverkehr muss eine eng verzahnte Lieferkette mit einer umfassenden Zollabwicklung aufgebaut werden, um durch die Abwicklung von Formalitäten keine Verzögerungen entstehen zu lassen.
Fazit: Effizienz mit Just-in-Time und Just-in-Sequence – aber nur bei resilienten Lieferketten
Just-in-Time und Just-in-Sequence unterscheiden sich auf den ersten Blick vielleicht nur in wenigen Details – deren Tragweite kann jedoch umso gravierender sein. Beide Methoden ermöglichen eine effiziente Verzahnung zwischen Lieferanten, Logistikpartnern und Unternehmen, um eine optimierte und effiziente Fertigung aufzubauen. Speziell die aufwändig zu organisierende Sequenzierung macht JIS fehleranfällig. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass die Lieferkette insgesamt resilient gestaltet und möglichst unanfällig für Unterbrechungen ist. So sollten Verzögerungen bereits erkannt werden, bevor diese entstehen und angemessen darauf reagiert werden.